Maisha Eggers Dissertation


Gläserne Decken für Wissenschaftlerinnen mit Migrationshintergrund - wahrnehmbar, aber nicht zu entschlüsseln?
So stellt es sich jedenfalls für die Betroffenen dar: die Sicht nach oben ist möglich, aber die Barriere kann nicht durchdrungen werden. In mehreren "analytischen Suchbewegungen" ging Eggers in ihrem Vortrag den Gründen dafür nach, warum Wissenschaftlerinnen mit Migrationshintergrund in den deutschen Hochschulstrukturen eklatant unterrepräsentiert sind. Die „Spuren“, die sie dabei analytisch verfolgt, nehmen ihren Ausgang bei der Annahme, dass im akademischen Feld eine Systematik regiert, die Selektion verursacht. Eggers' Zugriff auf das Thema Stereotype besteht also nicht darin zu fragen, wie Migrantinnen in der Wissenschaft stereotypisiert werden, sondern sie geht davon aus, dass Wissenschaft selbst einer Stereotypisierung unterliegt: Von welchen Stereotypen lebt die intellektuelle Welt? Sie will Interdependenzen in den Kategorisierungen nach Geschlecht und Migration sichtbar machen und zeigen, dass stereotypisierende Zuschreibungen auf Homogenitätserwartungen zurückzuführen sind.

Im ersten Teil ihres Vortrages analysierte Eggers die Hochschule als „soziales Feld“ und machte es sich zur Aufgabe, Ungleichheiten an der Schnittstelle von Gender und Migration aufzuspüren. Im zweiten Teil zeigte sie auf, wie die skizzierte Situation von Frauen mit Migrationshintergrund statistisch dargestellt werden kann und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.

Nach Wissenschaft ist ein Lernfeld, das sich über bestimmte Regeln, Logiken und über Ausschlüsse konstituiert: Dazu gehören nach der Soziologin Irene Dölling ökonomische, soziale und kulturelle Bedeutungen und Herrschaftsinteressen. Diese sind, unter Rückgriff auf Konzepte von Pierre Bourdieu, eingebettet in „symbolische Gewalt“ und „männliche Herrschaft“. Wissenschaft als Feld ist männlich codiert und es finden „Dominanzspiele“ statt. Der normative Charakter von Wissenschaft ist umkämpft, weil stereotype Vorstellungen von Wissenschaft mit Kategorisierungen wie „unwissenschaftlich“ oder „wissenschaftsfern“ operieren. Die Gläserne Decke im wissenschaftlichen Betrieb bezeichnet insofern eine Dynamik selektiver Mechanismen, die dazu führt, dass Wissenschaftlerinnen mit Migrationshintergrund vorwiegend in den ersten qualifizierenden Statusgruppen zu finden sind und dort oft „hängen bleiben“. Die Gläserne Decke funktioniert nicht nur als eine explizite Ausgrenzungsstruktur, sondern ist auch als eine Haltung der Akteurinnen und Akteure in der Wissenschaft zu verstehen.

Mit Verweis auf die Soziologin Parminder Bakshi-Hamm machte Eggers des weiteren deutlich, dass eine pauschale Ausländerstatistik ungeeignet ist, um rassistische Diskriminierung im Hochschulbereich zu identifizieren. Kein einzelnes „Migrationsmerkmal“ wie z.B. die Staatsangehörigkeit könne die gesamte Gruppe beschreiben. Wie auf vielschichtige Art verschiedene Migrationsaspekte einbezogen werden können, zeigt beispielsweise die Definition des Statistischen Bundesamtes von „Menschen mit Migrationshintergrund“: „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt Wiesbaden, 2007, S. 6). Daraus ergibt sich eine Klassifikation der Bevölkerung nach Migrationsstatus nach Geburtsland (Inland/Ausland) und nach Staatsangehörigkeit (deutsch – nicht-deutsch). Diese Unterscheidung ist wichtig, um genau benennen zu können, welche Gruppe eigentlich unterrepräsentiert ist. Dabei hilft zudem die Unterscheidung nach Orten von Schul- oder Universitätsabschluss, also zwischen Bildungsinländer_innen und Bildungsausländer_innen: Im Falle der deutschen Hochschulen sind eindeutig die Bildungsinländer_innen unterrepräsentiert, also die „nicht-zugewanderten Ausländer“ (siehe Statistisches Bundesamt Wiesbaden, 2007, S. 324 - Link). Nicht zuletzt daran ist ersichtlich, dass Erklärungsversuche über „kulturelle Nähe” bzw. „kulturelle Ferne” nicht greifen. Diese Differenzierungen helfen auch weiter, mit der Heterogenität der Widerstände umzugehen: Beispielsweise habe in deutschen Hochschulen eine Schwarze Harvard-Absolventin vermutlich mit anderen Widerständen zu kämpfen als ein Bildungsinländer mit Migrationshintergrund. Wünschenswert sind mehr relevante Statistiken, um rassistische Diskriminierung abbilden zu können.

In der anschließenden Diskussion wurde debattiert, inwiefern Gleichstellungspolitik dieses Wissen um die Exklusionsmechanismen von Migrantinnen im Wissenschaftsbetrieb aufnehmen und sinnvoll operationalisieren kann. Beispiele sind gezielte Fördermaßnahmen (im Sinne von ‚Affirmative Action’ in den USA), eine Verbesserung des Hochschul-Monitorings und die Stärkung des Bewusstseins für Exklusionseffekte, um der „Nicht-Wahrnehmung“ entgegen zu wirken. Damit werden Möglichkeiten der „De-Stabilisierung“ und der Erschütterung unhinterfragter Wissenschaftsverständnisse ermöglicht. Kritisch diskutiert wurden in diesem Zusammenhang auch die Internationalisierungsbemühungen der Hochschulen, die mitunter Gefahr laufen, rassistische Ausgrenzungen zu wiederholen, weil nur bestimmte ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Gesichtspunkten der Exzellenz gefördert würden. Eggers wies hier auf die Gefahr einer „Tabuisierung von Diskriminierung“ hin, wenn z.B. Diversity als Immunisierungsstrategie für Diskriminierungen eingesetzt wird. Sie favorisiert deshalb auch eine klare Benennung von rassistischer Diskriminierung als „Rassifizierung“, da diese über die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe (als „sichtbarer Stigmatisierungsanlass”, wie beispielsweise in Kanada umschrieben als „visual minorities“) hinaus geht. Rassifizierungen zu benennen, weist auf den Herstellungsprozess von formalen und auch sprachlich durch den öffentlichen Diskurs hergestellte Ausschlüsse hin. Um die von Diskriminierung betroffene Personengruppe möglichst genau zu benennen, seien pragmatische Definitionen nötig. In der Erhebung könne dies beispielsweise über eine Selbstauskunft, sich zu „rassifizieren”, umgesetzt werden. Dazu sei ein aktivierender Umgang nötig: die Menschen müssen davon überzeugt sein, dass sie von einer solchen Untersuchung etwas haben.

Auf die Frage, welche Rolle das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in diesem Zusammenhang spielt, erwähnte Eggers, dass das AGG explizit unmittelbare und mittelbare Diskriminierung verbietet. Damit wird unterstrichen, dass auch vermeintlich neutrale Formulierungen und Sachlagen, Exklusion hervorrufen können. Bezogen auf die Inhalte und Diskurse innerhalb der Wissenschaft bedeutet dies, dass Anti-Diskriminierungsarbeit bei der gerechten Verteilung von Ressourcen ansetzen muss und gleichzeitig immer auch ein Angriff auf den Neutralitätsanspruch von Wissenschaft ist.

Zur Vortragenden:

Prof. Dr. Maureen Maisha Eggers ist Professorin für Kindheit und Differenz (Diversity Studies) an der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) am Standort Stendal, im Studiengang Angewandte Kindheitswissenschaften am Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften. 2006-2008 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) und Lehrbeauftragte am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema „Rassifizierung und kindliches Machtempfinden“ 2005 an der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel. Seit 1993 ist sie aktiv bei ADEFRA, Schwarze Frauen in Deutschland e.V.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u.a.: Die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland (Schwarze Aktivist_innen in Deutschland), historische Kindheitsforschung (Schwarze (deutsche) Kinder in Kolonialismus, im Dritten Reich, in der DDR und in der Besatzungszeit/Nachkriegszeit in Westdeutschland), Doing Diversity im Vorschul- und Grundschulalter sowie die Verknüpfung von African Feminist Thought mit gegenwärtigen Realitäten, Fragestellungen, Phänomenen und Problemen in Deutschland.

Zu ihren Veröffentlichungen gehören u.a.: „Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland“, gemeinsam mit Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt herausgegeben.

Seit den 80er Jahren leisten die Emanzipationsbewegungen der im Westen und Osten Deutschlands – teilweise seit Generationen - lebenden Schwarzen Menschen als Teil der weltweiten Afrikanischen Diaspora, eine wesentliche Arbeit Rassismus zu benennen. Aus diesen Bewegungen konstituierte sich die „Schwarze Community“, die als gesellschaftliche Gruppe nun auch in Deutschland selbstbewusst auftritt, Anerkennung und Partizipation einfordert. 

Fast täglich erleben und erleiden Schwarze Menschen auch hierzulande rassistisch motivierte Überfälle oder Morde. Diskriminierungen und Aggressionen gehören in Deutschland zur Tagesordnung. Ihnen muss mit allen Mitteln des Straf- und Zivilrechts begegnet werden.

Aber es geht auch um die Änderung langfristiger Einstellungen. Der gegen Schwarze Menschen gerichtete Rassismus weist nämlich auch auf einen verdrängten Abschnitt deutscher Geschichte und Kultur hin: die bis heute in den Einstellungen wirksame koloniale Vergangenheit Deutschlands und anderer europäischer Länder.

Bis heute wirken Mythen, Ideologien und Konstruktionen über die Andersartigkeit Schwarzer Menschen, die den Kolonialismus rechtfertigen sollten und führen zu subtilen und offenen Aggressionen gegen ihnen. Diesen im historischen Langfristgedächtnis tief verankerten Rassismus gilt es offensiv aufzudecken und zu bekämpfen. 

Dieses Dossier vermittelt einen Einblick in die Auseinandersetzungen und Diskurse, die zur Bildung der Schwarzen Community in Deutschland geführt haben. Hier überwiegen die Beiträge Schwarzer Frauen, die als Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Aktivistinnen ihre Lebenssituation, ihr Selbstverständnis und ihre Arbeit in der deutschen Diaspora reflektieren und ihre Perspektiven und Interessen wortgewaltig zum Ausdruck bringen. 

Das Dossier wurde redigiert von der Erziehungswissenschaftlerin Maureen Maisha Eggers.
Verantwortlich: Olga Drossou, MID-Redaktion

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